Die Wirksamkeit des Masterstudiengangs „Integrated Practice in Dentistry“ – empirische Rekonstruktion von Lernerfahrungen entlang der Ziele CPD

Dr. Simone Ulbricht, M. A.

Hintergrund
Die Profession Zahnmedizin stellt, wie andere Berufsgruppen auch, eine besondere Zielgruppe für die Erwachsenenbildung dar. Ihre Arbeitsanforder-ungen verändern sich täglich. Durch spezielle Lernansätze sollen im Rahmen einer kontinuierlichen Weiterbildung nicht nur einzelne Kompetenzen gefördert, sondern auch die Persönlichkeit gestärkt und eine berufliche Autonomie sichergestellt werden. CPD könnte diese Anforderungen erfüllen, da es im Gegensatz zur rein kognitiv orientierten Fortbildung mehrere Dimensionen einer wirksamen Erwachse-nenbildung umfasst. Neben dem Wissenszuwachs beinhaltet CPD auch Verhaltens-änderungen und Verbesserungen im beruflichen Arbeitsablauf. Die Evaluation dieser Lernprozesse ist schwierig und muss die Handlungsweisen im natürlichen Umfeld begreifen. Eine besondere Herausforderung besteht in der Darstellung von Lerner-gebnissen, die gelegentlich im Alltag stattfinden und oftmals im Verborgenen liegen.

Forschungsfrage: 
Verhaltensänderungen und Kompetenzerweiterungen sollten als Ergebnis eines postgradualen Masterstudiengangs für Zahnärzte in ihrem natürlichen Umfeld und entsprechend der beruflichen Bedürfnisse abgeschätzt werden. Bedeutsam erschien, wie die Zahnärzte selbst diese Veränderungen feststellen und einschätzen. Die empirische Frage war, wie die ehemaligen Studenten in ihrem Alltag merkten, dass sie tatsächlich auf Grund des Masterstudiengangs dazugelernt haben und dass dieser Lernprozess mit dem Konzept von CPD in Verbindung steht.

Methode:
Für die Studie wurden episodische Interviews nach Flick durchgeführt. Mit Hilfe der narrativen Interviewtechnik konnten die Gesprächspartner Episoden aus ihrem Alltag sowie ihre Routinen und verborgenen Gedanken preisgeben, welche somit von einer subjektiven und realitätsnahen Perspektive wiedergegeben wurden. Dazu sollten die Befragten Situationen erzählen, in denen sie realisierten, dass sie durch das Masterstudium an Kompetenz gewonnen haben. Auf diese Weise konnten verborgene Lernerfahrungen und Entwicklungsprozesse nach außen transportiert werden. Die Datenanalyse kombinierte interpretative Schritte nach Schütze und Ansätze der Grounded Theory nach Glaser und Strauss. Sie beinhaltete die Transkription aller Interviews (n=14), eine Segmentierung und formale Analyse aller Interviews, eine thematische Verdichtung auf der Einzelfallebene bei repräsentativen Interviews (n=8) und eine Ableitung von allgemeinen Kategorien, welche die Lernergebnisse sowie die erworbenen Kompetenzen aller Interviewten darstellten.

Ergebnis
Durch die mehrstufigen Kodierprozesse konnten Entwicklungen auf drei verschiedenen Ebenen sichtbar gemacht werden, die sich nochmals in neun Entwicklungsrichtungen aufgliederten. Diese betrafen die Berufspraxis (Fachwissen, Praxisorganisation, Behandlung), die eigene Persönlichkeit (Reflexionsvermögen, Selbstvertrauen, Performanz, analytische Kompetenz) und die professionelle Gemeinschaft (sozialer Zusammenhalt, kollegiale Hilfe). Dabei werden sowohl die Einzelfälle als auch die gesamten Entwicklungsstrukturen näher beleuchtet. Diese belegen, dass die Anforderungen von CPD durch den evaluierten Studiengang erfüllt werden, da ein Zusammenhang zwischen Lernerfahrungen und CPD-Ausrichtung besteht. Außerdem kamen verborgene Lerndimensionen explizit zum Vorschein. 

Diskussion:
Die Arbeit stellt eine Methode dar, welche die Ergebnisse eines postgradualen Langzeitlernprogramms zu evaluieren vermag und sich dabei auf die alltäglichen Anforderungen der Teilnehmer bezieht. Es gelingt die wachsenden Kompetenzen der Zahnärzte detailliert, schlüssig und in allen Dimensionen der beruflichen und privaten Entwicklung zu präsentieren. Demnach kann dieses Vorgehen als eine innovative Annäherung an die Lernforschung von Erwachsenen gesehen werden, welches mehrere Ebenen des Lernens mit einer hohen Validität integriert. Ein weiterer Aspekt für Akzeptanz und Wirksamkeit des untersuchten Masterkonzeptes könnte darin bestehen, dass es nicht nur um eine „Vorwärts“-Lern-struktur geht, die neue Wissensfelder vermittelt, sondern dass auf Grund der Option zur „Rückwärts“-Reflexion eine Bearbeitung problematischer berufspraktischer Er-fahrungen ermöglicht wird. Diese „professionellen Lücken“ kann ein reines vorwärts gerichtetes Konzept nicht ausfüllen, sondern sie bedürfen einer expliziten und eige-nen Betrachtung. Der Studiengang ermöglicht „Neues“ im Sinne von Bildung, da er zur Überwindung einer professionellen widerständigen Realität maßgeblich beiträgt.

Ausblick: 
Die kontinuierliche Weiterbildung mit CPD wird weiterhin an Bedeutung gewinnen, da konventionelle Lernansätze nicht mehr ausreichen, um der Zukunft erfolgreich begegnen zu können. Somit besteht unsere Aufgabe nicht nur in der Entwicklung zukunftsträchtiger Lernkonzepte, sondern auch in ihrer systematischen und regelmäßigen Evaluation auf Wirksamkeit. Dieses Vorgehen ist oft aufwändig. Inwiefern sich jedoch standardisierte Instrumente ableiten lassen, welche, vergleichbar mit dieser Studie, subjektive und verborgene Lernprozesse erforschen, ist fraglich. Zudem bleibt für die Profession der Zahnmedizin noch teilweise die wichtige Frage offen, inwiefern CPD in Zukunft die Versorgungsstrukturen optimieren kann, da Patientenansprüche ständig wachsen und die Anforderungen an die Qualität der zu erbringenden Leistungen noch steigen werden.