Kollegiale Visitation in der Zahnmedizin: Einordnung als Methode der kollegialen Beratung und Überprüfung ihrer Wirksamkeit

Dr. Jochen Klemke, M. A.

In der vorliegenden Publikation werden kollegiale Visitationen als Form der kollegialen Beratung innerhalb der zahnmedizinischen Profession untersucht. Die Formen kollegialer Beratung werden in der vorliegenden Literatur unterschiedlich definiert. Das gilt sowohl in unterschiedlichen Wissensgebieten, als auch innerhalb der Fachrichtungen. In der vorliegenden Arbeit werden Formen kollegialer Beratung als Überbegriff verstanden, unter dem unterschiedliche Methoden kollegialen Austausches zusammengefasst werden. Die kollegiale Visitation ist eine Form der kollegialen Beratung.

Sie ist durch wechselseitige Besuche zweier gleichgestellter Angehöriger der
zahnärztlichen Profession in deren klinischem Umfeld definiert. Insgesamt acht
Zahnärztinnen und Zahnärzte äußern sich in zwei Gruppendiskussionen zu ihren Erfahrungen mit kollegialen Visitationen. Die Gruppendiskussionen wurden aufgenommen, transkribiert und ausgewertet. Aus Sicht aller acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die kollegialen Visitationen einen direkten und nachhaltigen Einfluss auf die Praxisroutine. Die Beteiligten an Gruppendiskussion 1 haben durch die langjährige Bekanntschaft, eine gleiche Ausbildung und die regelmäßigen Treffen eine breite gemeinsame Basis. Sie diskutieren übereinstimmend nachhaltige Optimierungsprozesse, einen Schwächenabbau und Perfektionierungen als Folgen der wechselseitigen Visitationen. Die Atmosphäre der Visitationen, aber auch der Gruppendiskussion ist geprägt von einer großen Vertrauensbasis.

Im Gegensatz dazu bilden die drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Gruppendiskussion 2 keine gewachsene Gruppe. Die Visitationspaare der kollegialen Visitationen, die durch die drei Anwesenden repräsentiert werden, sind nach dem Kontrastprinzip zusammengesetzt. Jede der drei Visitationen ist nur durch einen Teilnehmer oder eine Teilnehmerin repräsentiert. Die Berichte innerhalb dieser Gruppendiskussion sind weniger detailliert. Sie weisen dennoch interessante Ergebnisse auf: Ein Visitationsfall belegt, dass die Effektivität der Methode bei Teilnehmern mit kurzer Berufserfahrung deutlich geringer ausfällt als bei erfahrenen Kolleginnen und Kollegen; der zweite Fall zeigt, dass bei geringer gemeinsamer fachlicher und persönlicher Basis das Risiko der Verletzung außerhalb der professionellen Ebene besteht; der dritte Fall illustriert, dass die Visitation bei einem Kollegen mit vollständig anderer Praxisausrichtung den Anstoß zur eigenen Umorientierung geben kann.

Kollegiale Visitationen innerhalb der zahnärztlichen Profession können ein sehr effektives und umfassendes Instrument zur Weiterentwicklung der Praxis und der Persönlichkeit des Praxisinhabers sein. Es gibt kein anderes Fortbildungsformat oder
Qualitätsmanagementsystem, das diesbezüglich vergleichbar wäre. Zielgruppe für
kollegiale Visitationen sind miteinander vernetzte, erfahrene, in Eigenverantwortung
arbeitende Zahnärztinnen und Zahnärzte. Je geringer die gemeinsame fachliche und
persönliche Basis ist, desto genauer müssen die Rahmenbedingungen und die Absprachen vor einer kollegialen Visitation gefasst werden. Dies sollte behutsam geschehen, da eine zu starke Reglementierung des Ablaufes im Sinne eines abzuhakenden Fragenkataloges die umfassende Abbildung der Praxen durch die Visitation einschränken würde. Kollegiale Visitationen sind kein einfaches Instrument, das flächendeckend eingeführt werden kann. Es kann aufgeschlossenen und sich selbst hinterfragenden Experten auf einem hohen Niveau zu weiterführenden Lernerfahrungen verhelfen. Weitere Erfahrungen und Studien müssen zeigen, wie interessierte Kolleginnen und Kollegen auf eine kollegiale Visitation vorbereitet, wie geeignete Pärchen gefunden und wie Risiken der emotionalen Verletzung minimiert werden können.