Das Zweitmeinungsmodell aus Sicht der Patienten

Ulrich Pauls

In der vorliegenden Untersuchung wurde das System Dentexpert, der Prototyp eines fallbasierten Entscheidungsunterstützungssystems zur Prognostik von Pfeilerzähnen für Teleskop / Konuskonstruktionen, evaluiert. Das System insgesamt beinhaltet zwei Entscheidungsmodelle: ein regelbasiertes zur vorgängigen Entscheidung über Erhalt / Nichterhalt der Zähne sowie ein fallbasiertes für die Prognose der als Pfeiler vorgesehenen Zähne.
Zehn Zahnärzte entwickelten unabhängig voneinander Therapiepläne für 3
komplexe Behandlungsfälle (6 Kiefer). Das Maß der Planerübereinstimmung wurde nach Cohens Kappa bestimmt. Die Therapiepläne wurden mit den
Systemempfehlungen verglichen und gegebenenfalls modifiziert.
Gefragt war nach der Bewertung der Systemempfehlungen durch die Planer, nach Ausmaß und Richtung der Therapieplanmodifikationen sowie nach dem Ausmaß der Übereinstimmung von Therapieplänen und Systemempfehlungen. Zudem wurden die Planer um eine Einschätzung des Systems gebeten.
Es konnte eine im Mittel substantielle Planerübereinstimmung ermittelt werden, sie nahm mit der Anzahl der zu planenden Zähne pro Kiefer ab. Die
Planerübereinstimmung änderte sich im Rahmen der Therapieplanmodifikationen nur minimal in beide Richtungen; eine Standardisierung der Pläne im Sinne der
Systemempfehlung fand nicht statt.
Unter Einschluß der Zähne, bei denen keine differierende Systemempfehlung vorlag, bewerteten die Planer die Systemempfehlungen in der Mehrheit als positiv oder zumindest erwägenswert. Bei den differierenden Systemempfehlungen überwog die Ablehnung durch die Planer.
Die im Ausmaß geringen Therapieplanänderungen wirkten sich vorwiegend in
Richtung Zahnerhalt aus. Einmal von den Planern vorgeschlagene Pfeilerzähne wurden trotz negativer Systemprognose selten verworfen. Insgesamt zeigte sich daß die Planer fallabhängig und differenziert auf die Systemempfehlungen reagierten. Bezüglich der Übereinstimmung zwischen Therapieplanung und Systemempfehlungen konnte hinsichtlich des Heuristischen Modells festgestellt werden, daß dieses mehr Zähne zum Erhalt empfiehlt, als dies die Planer vorschlugen. Dagegen waren die Planer in der Pfeilerprognose optimistischer als das Prognostische Modell. Die Übereinstimmungsraten in Verbindung mit der Planerübereinstimmung geben keinen Hinweis auf grobe Systemfehler, noch lassen sie auf Grund besonders hoher Werte das System überflüssig erscheinen.
Die Planer bewerteten das System unterschiedlich; besonders bemängelt wurden die noch fehlende Erklärungskomponente und die mangelnde Integration von
Heuristischem und Prognostischem System. Eine deutliche Mehrheit zeigte aber
Interesse an einer Weiterentwicklung und konnten sich vorstellen mit einem solchem System in Zukunft zu arbeiten.
Fallbasierte Entscheidungsunterstützungssysteme haben ein großes Potential.
Dentexpert als Prototyp belegt dies in einem zur Zeit noch begrenzten Bereich
zahnärztlicher Therapieplanung; seine Anwendung schafft Anregungen für weitere Fragestellungen und Entwicklungen. Eine Verbreiterung des Anwendungsspektrums und der Auswertungsmöglichkeiten wäre wünschenswert. Grundlage eines jeden fallbasierten Systems ist das Vorhandensein einer ausreichend großen, breiten und qualitativ hochwertigen Fallbasis. Im zahnärztlichen Bereich entstehen täglich millionenfach digitale Daten, die einer Auswertung harren. Für die Erschließung dieser Datenmengen wäre aber eine Standardisierung der Befundparameter und der Regeln der zahnärztlichen Dokumentation Bedingung. Gelänge eine solche Standardisierung, ließe die Weiterentwicklung eines Systems wie Dentexpert für die Zukunft eine größere Sicherheit in der Prognostik als der Grundlage jeglicher Therapieentscheidung erwarten. Der Autor hofft, mit dieser Untersuchung einen begrenzten Beitrag zur Entwicklung des Systems geleistet zu haben.