Ehrenamtliche Entwicklungsarbeit und zahnärztliche Profession: Eine explorative Biographieanalyse

Dr. Johannes Schmitt, M.A.

Zahnärztliche Entwicklungsarbeit ist eine besondere Form der Freiwilligenarbeit, bei der ein zunehmendes Interesse der Zahnärzteschaft zu verzeichnen ist. Diese Studie hatte zum Ziel, die Hintergründe zahnärztlicher Entwicklungsarbeit aus Sicht sich engagierender Kolleginnen und Kollegen näher zu untersuchen. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war eine Einordnung der Ergebnisse in aktuelle Forschungen und Modelle zur Freiwilligenarbeit.

Mit Hilfe narrativer Interviews wurden die Geschichten von sechs Zahnärzten und
einer Zahnärztin erhoben. Als zentrales Element der Analyse wurde die Berufsbiographie eines Kollegen gewählt, dessen Erzählung sein Lebenswerk, die Gründung einer Zahnarztpraxis in Nepal sowie über 30 Jahre Erfahrung mit zahnärztlicher Entwicklungsarbeit umfasste. Im Rahmen der anschließenden Diskussion der gewonnen Hypothesen wurden die weiteren 5 Interviews, welche jedoch nur inhaltlich gesichtet wurden, mit berücksichtigt.

Zahnärztliche Entwicklungshilfe ist augenscheinlich den gleichen Regeln wie andere Formen der Freiwilligenarbeit unterworfen. Der Entscheidung zum Engagementscheint in der Regel eine längerfristige Beschäftigung mit der Thematik voranzugehen. Das analysierte Beispiel zeigt jedoch, dass auch ein einschneidendes Erlebnis einen zentralen Stellenwert zur Entscheidung zahnärztlicher Entwicklungshilfe über einen langen Zeitraum leisten kann. Der Zugang zur Freiwilligenarbeit durch solche Erlebnisse besteht jedoch nicht automatisch und scheint mehr aus der Persönlichkeitsstruktur der konfrontierten Person zu resultieren.

Auch der multifunktionelle Ansatz zur Frage der Motivation konnte in der Geschichte wiedergefunden werden. Wichtige Funktionen in diesem Beispiel waren Schutzfunktion, Selbstwertfunktion und Wertefunktion. Interessant war auch die Beobachtung einer Veränderung der Funktionen im Rahmen einer Persönlichkeitsreifung im Laufe der Zeit. Hier scheint es erforschenswert, die gemachten Beobachtungen anhand der genauen Analyse der anderen Interviews, sowie weiterer Beispiel zu überprüfen. Eine Fragestellung dazu könnte sein, inwieweit zahnärztliche Entwicklungsarbeit eine bestimmte Verteilung von Funktionen aufweist und ob die Veränderung der Funktionen
ein Merkmal langanhaltender Freiwilligenarbeit an sich ist.

Die gesammelten, persönlichen Erfahrungen der Erzähler decken sich mit den
wissenschaftlichen Betrachtungen über unterschiedliche Konzepte von Entwicklungshilfe. Projekte sollten Nachhaltigkeit zum Ziel haben und den Nutzen der Empfänger in den Vordergrund stellen. Sie sind von den Konzepten, die nur kurze Dauer haben oder touristische Intentionen mit der Entwicklungsarbeit kombinieren, abzugrenzen. Engagement in zahnärztlicher Entwicklungshilfe sollte daher mit einer kritischen Auswahl des Hilfsprojekts möglichst mit direktem Bezug und einer Vorbereitung auf den Einsatz und das Land beginnen. Die Erfahrung und Erlebnisse im Rahmen der Entwicklungsarbeit können zur Erweiterung des eigenen Horizonts und Entwicklung eines veränderten Betrachtungsmaßstabes führen. Dankbarkeit und Wertschätzung der eigenen Arbeit durch die Menschen, aber auch der eigene Gewinn von mehr Gelassenheit und Demut scheinen Merkmale zahnärztlicher Entwicklungsarbeit zu sein. Dies zeigt, dass zahnmedizinische Entwicklungsarbeit einen großen Einfluss auf die individuelle Professionalisierung haben kann. Es bedarf jedoch weiterer Forschung, wie unterschiedlich stark der Einfluss auf die verschiedenen Kolleginnen und Kollegen ist und ob dies von bestimmten Voraussetzungen abhängig ist.

Direkte Einflüsse auf die Profession als Kollektive konnten aus den erhobenen Daten nicht abgeleitet werden. Bei der Betrachtung dieser Fragestellung wurde hingegen ein Risikopotential der Instrumentalisierung zahnärztlicher Entwicklungsarbeit zur Erfüllung von Erwartungen der Gesellschaft an die Profession entdeckt. Daher sollte mehr über eine unterstützende Funktion der Profession für zahnärztliche Entwicklungsarbeit diskutiert werden. Dies könnte in Form von Foren, Netzwerken und Plattformen zum Erfahrungsaustausch umgesetzt werden.