"Zur Rolle der Banken für die deutsche Wirtschaft im Zeitalter der Globalisierung"
Aus dem Vortrag:
Vor großem Auditorium würdigte Professor Walther die Leistung des Gründers des Karlsruher Vortrages. Auf Initiative von Michael Heners fand im Jahre 1983 der erste Karlsruher Vortrag statt. Das Konzept dieser Veranstaltung trägt noch immer. Vierundzwanzig Vorträge haben bedeutende und faszinierende Persönlichkeiten nach Karlsruhe geführt. Prof. Heners, der die Akademie für zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe 27 Jahre lang geleitet hat, schuf mit dieser Institution ein lebendiges Forum für den Diskurs über die Probleme unserer Welt.
Der Referent von 2007 - Dr. Siegfried Jaschinski - wurde vorgestellt durch Herrn Hans-Heinrich Firnges. Er erläuterte dem Auditorium den eindrucksvollen Ausbildungsweg, den Jaschinski durchlaufen hat. Dieser studierte simultan Geschichte und Betriebswirtschaft, um sich dann nach seiner Promotion doch dem Bankwesen zuzuwenden. Seit 2005 hat er den Vorsitz des Vorstandes der Landesbank Baden-Württemberg inne.
Es gelang Dr. Jaschinski in seinem Vortrag dem Publikum zu veranschaulichen, welch tiefgreifender Wechsel in der Welt der Banken in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat. Die Auswirkungen dieser Veränderung auf die Wirtschaft und somit auch auf unsere Gesellschaft dauern an und sind Quelle neuer Sorgen und Befürchtungen. Das Auditorium erhielt einen spannenden Einblick in die Welt des internationalen Geldmarktes.
Zunächst sprach Jaschinski über die Rolle der Banken vor der Globalisierung. In dieser Epoche war der Bankenmarkt ein nationaler Markt. Die Banken waren Vermittler. Sie nahmen Spareinlagen entgegen und verteilten sie wieder an Unternehmen in Form von Krediten. Das Geschäftsmodell der Universalbank bestimmte das Bankensystem. Eine Bank war darauf angewiesen, jegliche Form von Bankdienstleistungen anzubieten. Das Verhältnis von Banken und Industriekonzernen war durch eine enge Partnerschaft gekennzeichnet, die auf Langfristigkeit angelegt war. In zahlreichen Unternehmen besaßen die Banken deswegen Aufsichtsratsmandate. Die Geschichte dieser Verbindung zwischen Banken und Industrie ist lang. Sie reicht zurück bis zum großen Börsenkrach von 1873. Jaschinski beschrieb die geschichtliche Entwicklung dieser Konstellation nicht ohne interessante Beispiele aus den 50er und 60er Jahren zu nennen. So nahm beispielsweise der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Abs bis zu 30 Aufsichtsratsmandate großer Firmen wahr. Das Beziehungs- und Beteiligungsnetz dieser als Deutschland AG bezeichneten Partnerschaft zwischen Banken und Industrie sicherte deutsche Konzerne lange Zeit vor feindlichen Übernahmen. Erst im Jahr 2000 gelang der britischen Mobilfunkgesellschaft Vodafone die feindliche Übernahme eines deutschen Konkurrenten, nämlich des Mannesmann-Konzerns.
Schon Ende der 80er Jahre zeichnete sich jedoch ab, dass die Kapitalmärkte eine tiefgreifende Veränderung erfahren würden. Die enge Verbindung zwischen Geschäftsbanken und Unternehmen begann sich zu lösen. Stattdessen entstand eine reine Produkt-und Transaktionsbeziehung. Ursache dieser Veränderung war ein qualitativer Sprung in der Internationalisierung des Wirtschaftsgeschehens, der durch die rasante Entwicklung der Kommunikationstechnologien, den großen Fortschritt beim Transport von Waren und den zunehmend liberalisierten Volkswirtschaften möglich wurde. Die deutsche Volkswirtschaft ist stark in diesen Globalisierungsprozess eingebunden. In keinem Wirtschaftssektor hatte die Globalisierung so früh und so nachhaltig eingesetzt wie in der Finanzwirtschaft. Zunächst wurden die nationalen Anleihemärkte von dieser Entwicklung erfasst. Anleihen werden in der Regel von institutionellen Anlegern also Versicherungen, Fonds und anderen Kapitalsammelstellen gekauft. Anleihen gewannen an Bedeutung zu Lasten des traditionellen Kreditgeschäfts. Die Abhängigkeit der großen Unternehmen von den Banken und die Abhängigkeit der Banken von der Bonität der großen Unternehmen nahmen mit der Entwicklung der Anleihemärkte ab. Auf dem Kapitalmarkt wurden neue Produkte entwickelt, die sogenannten Derivate, mit deren Hilfe Einzelrisiken abgefedert werden können. Dies bedeutete eine weitere Entfremdung zwischen dem Geld aufnehmenden Unternehmen und dem Geld gebenden Anleger.
Auch auf der Anlageseite ergaben sich durch die Globalisierung Änderungen. Der Marktanteil der Banken an der Geldvermögensbildung verringerte sich in den achtziger Jahren von gut 60% auf 40%. Insbesondere Spareinlagen wurden weniger nachgefragt. Die Privaten gaben ihre Ersparnisse nun zunehmend an Versicherungen und Fonds, eben jene Kapitalsammelstellen, die als institutionelle Anleger im Anleihemarkt auftraten. Dieser Markt explodierte. Nach einer Statistik der Deutschen Bundesbank steigerte sich das Anleihenvolumen seit 1995 um das siebzigfache.
Neben dem Effekt einer zunehmenden Anonymisierung der Beziehung zwischen Kapitalnehmern und Kapitalgebern bewirkte die Internationalisierung der Kapitalmärkte auch eine zunehmend kurzfristige Orientierung auf Seiten der Kapitalgeber. Die extremste Form der kurzfristigen Renditeorientierung zeigen die so genannten Hedgefonds. Diese Fonds übernehmen Unternehmen, unterwerfen diese radikalen Restrukturierungsprogrammen, um sie dann schnell wieder Gewinn bringend als Ganzes oder in Einzelteilen zu verkaufen. Im Zuge dieser Restrukturierung gehen i. d. R. Arbeitsplätze und langjährige Erfahrungen der Unternehmen verloren.
Die Globalisierung der Kapitalmärkte hat die Banken mit neuen Herausforderungen konfrontiert: es entstand mit den Derivaten eine neue Produktwelt, sinkende Einlagen ergaben die Notwendigkeit, sich anderweitig Mittel zu beschaffen. Deswegen wurden die Ressourcen verstärkt zum Kapitalmarktgeschäft verlagert. Das Investment Banking setzte auch in Deutschland zum Siegeszug an. Die enge Partnerschaft zwischen Banken und Unternehmen wurde zum Auslaufmodell. Es musste eine neue Rolle als Mittler zwischen Kapitalangebot und Kapitalnachfrage gefunden werden. Die Privatbanken konzentrierten sich dabei mehr und mehr auf das internationale Geschäft mit Investoren. Das traditionelle nationale Geschäft wurde hingegen die Domäne der regionalen Institute, insbesondere der Sparkassen und Volksbanken. Diese schufen spezifische Finanzprodukte für den Mittelstand und gegen eine Geschäftspraxis, zu der es auch gehört langjährige Hausbankverbindungen nicht durch anonyme Investoren zerstören zu lassen. Dies insbesondere dann, wenn eine Firma zum Spielball exzessiven kurzfristigen Gewinndenkens wird.
Unternehmen brauchen langfristige Finanzierungspartner. Die neue Rolle der Banken ist die, am Kapitalmarkt von den Investoren Geld einzusammeln, um damit die Finanzierung der Unternehmen bewältigen zu können. Darüber hinaus muss die Bank ein geeigneter Partner sein, um ein Unternehmen auf dem Weg ins Ausland zu begleiten.
Am Ende seines Vortrages drückte Dr. Jaschinski seine Sorge darüber aus, dass die heimischen Unternehmen zunehmend in Gefahr geraten könnten, einem der kurzfristigen Gewinnmaximierung verpflichteten Kapitalismus anheim zu fallen. Er ist überzeugt, dass wir wieder eine engere Partnerschaft zwischen Banken und Unternehmen brauchen. Es muss eine neue Balance zwischen zwei Polen gefunden werden. Der eine Pol sind die immer kurzfristigeren Renditeerwartungen der Investoren, der andere Pol ist der Raum, den ein Unternehmen für eine nachhaltige Entwicklung braucht. Die Banken müssen zwischen diesen Polen das richtige Maß finden um die Wertschöpfung unserer Volkswirtschaft voranzubringen und gleichzeitig Verkrustungen zu vermeiden.