Moderne Maler und ihre Zahnärzte. Beziehungen und Konflikte

Dr. Carmen Marin, M. A.

Der historische Rückblick erlaubt es uns, ein besseres Verständnis des heutigen Berufsbildes des Zahnarztes darzustellen. Die unglücklichen Entwicklungen der Vergangenheit ermöglichen es, uns selbst besser kennenzulernen und zu schätzen. 

Sich mit dem dunklen Kapitel der Geschichte – den Nationalsozialismus –  auseinanderzusetzen ist für unsere und die zukünftigen Generationen eine ethische Pflicht; diese Betrachtung leistet Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit, vor allem aus Ehrfurcht vor den Opfern der NS-Diktatur. Die meisten Ärzte – auch Zahnärzte – haben geschwiegen, und viele Kollegen, darunter führende Vertreter der Berufsgruppe, waren an der Vertreibung der jüdischen Kolleginnen und Kollegen beteiligt. Allein durch die stillschweigende Zustimmung zur Verordnung des Entzugs der Approbation, und trotz des hippokratischen Eides, waren sie am Massenmord im Dritten Reich beteiligt und haben aktiv mitgewirkt. Die Vergangenheitsbewältigung ist ein Thema, das in den letzten 20 Jahren in Publikationen der Fachpresse nicht oft behandelt worden war; seit dem Jahre 2003 beschäftigt sich der „Arbeitskreis Geschichte der Zahnheilkunde“ mit der Geschichte unseres Fachgebietes vom DGZMK, der sich als Ziel setzte, durch Publikationen und – seit dem Jahre 2006 durch Vorträge – die geschichtlichen Aspekte unseres Berufsbildes einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Wichtig für die Anerkennung des Zahnarztberufes sind auch die „Gemeinwohlbezüge“ des Berufes, und deren Leistungen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. Diese sind bei den Zahnärzten in der Öffentlichen Wahrnehmung oft unterbewertet; Organisationen wie z.B. die „Stiftung Hilfswerk Deutsche Zahnärzte“, die vor 25 Jahren gegründet wurde und seit dem Jahre 2010 unter der Schirmherrschaft der Bundeszahnärztekammer steht, hat im Jahre 2011 in 38 Weltweit geführten Projekten rund eine Million Euro durch die Spenden deutscher Zahnärzte investiert (Pressemitteilung Bundeszahnärztekammer). Vor 25 Jahren wurde von der Landeszahnärztekammer Baden--?Württemberg die „Aktion Z“ ins Leben gerufen, eine Altgold?Sammelaktion, hinter der die Zahnärzteschaft aus Baden-Württemberg und Nordrhein steht und rund 8 Millionen Euro an Spenden einsammelte (ZBW 1/2012, S.49). Weitere große (Zahnärzte ohne Grenzen) und kleinere Organisationen (dentists and friends e.V.) vervollständigen das Bild der sozialen Verantwortung des Zahnarztes und seine Pflicht, Gesundheit dort, wo es nötig ist, wiederherzustellen. 

Es sind dies Themen, die nicht Teil unserer täglichen Arbeit sind, aber trotzdem den Radius unseres Berufsbildes in der Gesellschaft ergänzen. Warum assoziierte man uns – schon an der Anfängen unserer Profession – in einem negativen Kontext, wenn es um den finanziellen, den pekuniären Aspekt ging?
 
„A prudent question is one half of wisdom“ erkannte Francis Bacon schon in der Zeit, als unser Berufsbild Konturen in der Gesellschaft annahm. 

Aus historischer Sicht ist das Bild des Zahnarztes in die Figur des „Beutelschneiders“ projiziert und zum Stigma geworden. – Dieser Stereotyp – auch im Volksmund so übermittelt – und angepasst an der heutigen gesellschaftlichen Konstellation zwischen Politik und Medien, wird noch angewandt. 

Dass eine negative Berichterstattung wie zuletzt in der FAZ vom 29.04.2012 „so tricksen Zahnärzte – am Rande der Legalität“ das vertrauensvolle Arzt--?Patienten--? Verhältnis unangetastet lässt, ist kontrovers. In einer repräsentativen Umfrage wird der Ton jedoch konzilianter. Laut dieser Umfrage ( DZW Nr. 4/12 Ausgabe vom 25.01.2012 – BZÄK/KZBV) schätzen die Deutschen „ihren“ Zahnarzt. Sie schätzen die Kompetenz ihres Zahnarztes und bleiben ihm langfristig treu: rund 91 Prozent sind mit Ihrem Zahnarzt zufrieden, beziehungsweise sehr zufrieden. Das ist die zentrale Aussage einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) in Zusammenarbeit mit dem Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) in Köln. In einer repräsentativen Stichprobe wurden dafür 1.800 persönliche Interviews geführt. Dabei wurden Daten sowohl zum Fernbild – Zahnärzte allgemein – und zum Nahbild – der eigene Zahnarzt – erhoben. Dabei ist das Nahbild des Zahnarztes in einigen Punkten deutlich positiver als die Wahrnehmung des gesamten Berufsstandes. So geben nur gut 58 Prozent an, sie hätten eine gute Meinung von den Zahnärzten insgesamt. Deutlich bessere Bewertungen bekommt der eigene Zahnarzt gegenüber dem Gesamtbild vom Berufsstand in fast allen abgefragten positiven Eigenschaften. Der eigene Zahnarzt wird rücksichtsvoller, gründlicher, vertrauenserweckender bewertet als der Berufsstand allgemein. Auch bei den abgefragten kritischen Punkten schneidet der eigene Zahnarzt besser ab als im Fernbild. Nur 20,6 Prozent meinen, der eigene Zahnarzt verdiene zu viel, während 37,4 Prozent das für Zahnärzte allgemein annehmen. Bei der Frage „denkt in erster Linie ans Geld“ bejahen das 31,7 Prozent der Befragten für den gesamten Berufsstand, für den eigenen Zahnarzt aber nur 13,7 Prozent. Ebenso deutlich ist der Unterschied beim Leistungsangebot. 41,7 Prozent meinen, Zahnärzte generell bieten öfter Behandlungen an, die nicht notwendig sind. 

Laut Pride (Pride 1991 S.91– m92) gehört der Zahnarzt in der heutigen Zeit zu den meist respektierten Berufen, steht jedoch in seinem Ansehen hinter dem des Arztes (Wolf/Ramseier2/2012, S 122). Eine Erklärung liegt im praktischen Denken: der Zahnarzt, übend in seiner Funktion, die Gesundheit wieder herzustellen, bedient sich einer handwerklichen Tätigkeit; somit sind die Prothetik-Rechnungen unterteilt in einem Teil was das Honorar betrifft, und in einem anderen Teil, welcher die Material? und Laborkosten beinhaltet; der finanzielle Aspekt wird evidenter als bei anderen ärztlichen Berufsgruppen.

Das Vertrauen ist die “conditio sine qua non” einer guten und intakten Zahnarzt – Patientenbeziehung. Sie „steigert die Qualität der Behandlung, die Compliance, sowie die Zufriedenheit der Patienten, sie erlaubt eine effizientere Patientenmotivierung und führt weniger zu Konflikten. Auch für den Zahnarzt ist ein gutes Vertrauensverhältnis vorteilhaft, denn dadurch erhält er einen guten Ruf, die Patienten bleiben ihm treu, und erreicht eine höhere Selbstzufriedenheit in seiner Berufsausübung“(Yamalik N. 2005, S. 110--?112). 

Um dieses gegenseitige Vertrauen, sowie den Respekt aufrecht zu erhalten, braucht unser Beruf klare ethische Richtlinien. Ethischer Sachverstand ist aktueller denn je. Mit dem medizinischen Fortschritt ändern sich auch die Normen, was uns nicht von der Pflicht befreit, ihre Gültigkeit zu überprüfen. 

In der modernen Zahnmedizin, vereinfacht durch den Zugang der Gesellschaft zum Internet, beobachtet man den Trend, in den Praxen wäre die Schönheit als Ware zu verkaufen, als „Konsumgut“. Der Zahnarzt ist somit in die Rolle des Dienstleisters geschlüpft. „ Arzt sein heißt, soziale Verantwortung übernehmen, Verantwortung zu übernehmen, sowie sich für das Wohl des Patienten einzusetzen. Dass die Zahnmedizin sich zunehmend als „business“ und weniger als soziale Praxis versteht, ist ein Stück weit selbst gemacht. Lange Zeit war es selbstverständlich, dass ein guter Zahnarzt auch angemessen bezahlt wird. Je mehr politisch gewollte Einschnitte erfolgen, je mehr Zahnärzte finanziell an den Rand gedrängt werden, desto anfälliger werden sie für ein Businessdenken… es ist die Folge eines bewusst einkalkulierten Systems und damit eine politisch gewollte Weichenstellung, die aber dem Ansehen der Zahnmedizin extremen Schaden zufügt.“ (Maio 2012, S. 28?35). 

Die Honorarzahlungen durch die Patienten, welche früher nicht selten in einer Naturalienform beglichen worden waren, akzentuierten dieses Klischee. Künstler gehörten in der Norm zu dieser Patientengruppe, welche Behandlungen mit dem Ergebnis ihres Schaffens, mit ihren Werken honorierten. In diesem Kontext entwickelte sich über die Arzt--?Patient Beziehung hinaus eine menschlich- freundschaftliche. Der Zahnarzt wurde durch diese pekuniäre Situation des Künstlers in eine vertrauensvolle Rolle eingebunden. Überdies erreichte der Zahnarzt in seiner Rolle als Kunstsammler auch eine höhere gesellschaftliche Bedeutung. Heinrich Rieger war ein „selbstbewusster Sammler, der sich auch gerne portraitieren lies“ (Fischer, 2008, S.71) und von Justinus Ambrosi 1926 eine Büste anfertigen ließ (Abb. 6 
ein Exemplar in Privatbesitz, ein Duplikat in der Österreichischen Galerie „Belvedere“). 

Diese Nähe zur Kunst und dem Künstler selbst bilanziert das Verhältnis zwischen Zahnarzt und dem Geld. Das, was bis vor wenigen Jahrzehnten noch als akzeptierte Form der Bezahlung galt, die Honorarleistungen des Zahnarztes in Naturalien zu erstatten, praktisch ein Tauschgeschäft, würde heute für einen Eklat in allen Medien sorgen. Somit würde der Zahnarzt als „Verkäufer“ dastehen, und nicht als das, was er in der Realität ist: der Repräsentant einer Profession, deren oberstes Ziel die Verantwortung über die Gesundheit des Patienten und das Umsetzen seines Fachwissens darstellen. 

Trotzdem muss festgehalten werden, dass die nicht mehr übliche Zahlungsform in Naturalien durch Künstler eine sehr große Wertstellung in der Vergangenheit dargestellt hat. Der Zahnarzt schlüpfte aus diesen Umständen notgedrungen in die Rolle des Kunstförderers junger Künstler, was aus der heutigen Zeitperspektive heraus analysiert vorteilhaft für alle Beteiligten war: für den Patienten, der trotz seiner finanziellen Notsituation und durch die moralische Verpflichtung des Zahnarztes behandelt worden war, sowie für den Zahnarzt, der durch seine Honorierung in dieser Form zum Kunstförderer und Liebhaber geworden ist, und den Zahnarzt und den Patienten in eine menschliche, freundschaftliche Beziehung brachte.

„Derartige Tauschbeziehungen waren für die Sammler (wie z.B. Dr. H. Rieger oder die Brüder Jean und Paul Alexandre n.a.)die nicht dem finanzkräftigen Großbürgertum angehörten, wichtig. Ihre Kollektionen konnten eher auf der Basis von Leidenschaft als auf jener der wirtschaftlichen Potenz entstanden“ (Fischer 2008 S. 46--?48) 34 Diese Honorierungsform findet in der heutige Zeit – schon aus rechtlicher Sicht – keine Akzeptanz mehr; in der Funktion des Kunstförderers bleibt dem Zahnarzt – gegenüber dem Patienten als Künstler die Rolle weiterhin erhalten. Kunst und Zahnarzt – außer der Bilder, welche die Wände der Wartezimmer in den Zahnarztpraxen, sowie der Kliniken schmücken – ist heute ausschließlich als eine zulässige und pragmatisch akzeptierte Form von Investition zu verstehen. „Liebhaber der Malerei, die in den vergangenen Jahren eine qualitätsvolle Sammlung von Werken bekannter Künstler zusammengetragen haben, dürfen sich über einen erheblichen Wertzuwachs freuen. Der Online-Kunsthandel Artnet ermittelt mithilfe eines Index seit etwa zehn Jahren die Entwicklung der 50 meistgehandelten Künstler. Der Index C50 stieg von 2001 bis 2011 um 400 Prozent. Noch deutlich besser schnitt der deutsche Künstler Gerhard Richter ab. Die Preise für seine Werke zogen um 1100 Prozent an. Diese Extreme gelten jedoch nur für die großen Namen. Wer Kunst als reine Investition betrachtet, hält sich an die bekanntesten Ikonen und ist damit auf der sicheren Seite“. (Endruweit M. 2012 ,S.82).