Kulturelle Dimensionen von Zähnen in Kinderbüchern

Dr. Helga Maier

Bei den drei analysierten Bilderbüchern geht es um Bücher, deren Thematik sich rund um die Zahngesundheit bewegt. Das angegebene Lesealter ist bei allen dreien das gleiche, ab 4 Jahren. Es handelt sich um Bücher aus drei verschiedenen Generationen und drei verschiedenen Ländern. „KuB“ von Thorbjörn Egner wurde 948 zum ersten mal herausgebracht und stammt aus Norwegen. „Vom Jörg“ ist ein Buch von Anna Künzel und Günter Schmitz das 1972 in der DDR erschienen ist und „ Milchzahnstrasse“ wurde 1993 von Anna Russelmann in Deutschland veröffentlicht.

Jeweils ungefähr 20 Jahre Unterschied, eine andere Sprache und Lebensweise hat die Bücher nicht beeinflussen können. Jedes steht für ein gewisses Zeitalter und für die Problematik rund um den Zahn. Unsere Schlussfolgerung lautet: „gesund im Mund“, das ist das Ziel der drei Kinderbücher, egal welche Sprache, welche Ideologie (DDR) oder welche Zeit sie darstellen. Bilder und Texte werden in allen drei Werken zugleich angeboten. Die Bilder haben in allen Fällen die gleiche Wirkung.
Bild und Text sind untrennbar, da sie bei „KuB“ und „Milchzahnstrasse“ imaginäre Stoffe behandeln, während sowohl die Handlung als auch die Illustrationen in „Vom Jörg“ aus dem wahren Leben gegriffen sind und auch realitätsnah wiedergegeben werden. Im Alter von ungefähr 4 Jahren bedarf es der Vermittlung der Geschwister, Eltern und Erzieher, um die Wirkung der Bücher auf das Kind herüberzubringen.

Diese sollten sich stets an Interessen, Fähigkeiten, Bildungs- und Entwicklungsstand des Kindes orientieren. Das Kind soll über die gelesene Problematik nachdenken können. Das Buch sollte das Kind in seinem Denken und in seinen sozialen Fähigkeiten voranbringen. Man soll dem Kind Spielräume für die eigene Entfaltung öffnen. Das Buch muss Komplexität und Wahrheit ausstrahlen. Die besondere ästhetische Kraft des Bilderbuches „liegt in dem eigentümlichen Spannungsfeld der Text- Bildbezüge, in dem dynamischen Beziehungsgeflecht textlicher und bildnerischer Elemente“ (Thiele 1991,9).

Anhand von „Sympathiefiguren“ (Karius, Baktus, Dicky, Hacky, Jörg) versuchen die Autoren den Kindern die Vorgänge im Mund, beim Zahnarzt, und die kulturelle Wichtigkeit des Zähneputzens zu vermitteln. Es sind trollhafte, gnomhafte, kartoffelartige Wesen die fern der Realität sind die aber der imaginären Welt der Kinder entsprechen und auch ihre Fantasie beflügeln. Die Sympathiefiguren haben auch Fantasienamen (Karius, Baktus, Dicky, Hacky, Zahnwehmännlein), um die Kinder anzusprechen. Hacky wird auch in „Milchzahnstrasse“ von der Autorin als Hacky Karius genannt. Karius, Baktus, Hacky und Dicky können auch personifizierte Bakterien sein. Jörg wird zum Fantasienamen „Schleckerjörg“, ein Name, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Auf der S. 3 ist er auch mit einem Lutscher abgebildet, der seinen Namen symbolisiert. Das Zahnwehmännlein ist sehr angsteinflößend dargestellt, hat immer einen schadenfrohen, grimmigen Gesichtsausdruck und weckt bei Kindern mit Sicherheit keine Sympathie, sondern alles ist eher angsteinflößend.

Die Sympathiefigur in „Vom Jörg“ ist Jörg der aus der Realität gegriffen ist, sich wie ein Kind verhält und auch Erfahrungen sammeln muss, um sich zu verändern. Während des Lesens oder des Zuhörens entwickelt das Kind Vorlieben oder Abneigungen gegenüber verschiedenen Figuren. Abneigung kommt gegenüber dem Zahnwehmännlein auf und das Kind ist froh, dass die Sympathiefigur „Jörg“ das Zahnwehmännlein los ist. Deshalb lassen auch die Autoren Egner und Russelmann ihre Sympathiefiguren kein bitteres Ende nehmen. Sie müssen zwar ihren Lieblingsort (Mund von Jens bei „KuB“ und Kaiserallee bei „Milchzahnstrasse“) verlassen, enden aber noch besser. Karius und Baktus im Meer und Hacky und Dicky am Strand. Hier müssen sie nichts mehr tun, nur faul herumliegen am Strand („Milchzahnstrasse“) oder im Meer herumtreiben („KuB“). Die Kinder wissen, dass ihre Sympathiefiguren böse waren, sie wissen aber, dass sie immer noch leben und dass den von Zahnschmerzen geplagten Kindern durch diese „Vertreibung aus dem Paradies“ der Bösewichte geholfen wurde.

Es kommt keine Trauer der Kinder auf, die schmerzenden Löcher wurden gestopft. Es gab keinen Platz mehr für sie. Sie mussten den Mund verlassen. Durch das Ausspülen und durch das Abwaschen der Zahnarztutensilien verlassen sie die Mundhöhle. Der Bösewicht aus „Vom Jörg“ wird weggeblasen und nicht weiter erwähnt. Auf dem hinteren Umschlag befindet er sich auf der Flucht.
Wichtig ist auch die Wahl und die Bedeutung der Vornamen. Die von Zahnschmerzen geplagten Kinder, die keine Zähne putzen wollen, heißen Jens und Jörg. Zwischen den Namen herrscht eine große Ähnlichkeit. Der Name Jens ist die friesische und dänische Kurzform des Namens Johannes. Im Jahr 1940 (die Zeit um das Erscheinungsjahr von „KuB“) erlebte der Name Jens einen Aufschwung als Babyname. Johannes bedeutet „ Gott ist gnädig“. Jörg hingegen war der beliebteste Jungennahme von 1961 bis 1970. Es ist eine Kurzform für Georg. Daraus folgern wir, dass die Namenswahl auch nicht beliebig auf diese Namen fiel, sondern gut durchdacht war. Durch die Auswahl des damals gängigen Namens, konnte eine Vielzahl der Kinder sich damit identifizieren. Es waren Namen, die jeder kannte, dadurch wurde der Junge, der keine Zähne putzen wollte, zum Nachbarjungen von nebenan. Heute stehen andere Namen auf der Beliebtheitsskala (z. Bsp. Selina) „Als Selina eines Morgens erwachte, entdeckte sie, dass etwas schreckliches passiert war“ (Leschhorn 2007, 3). Die Vorgehensweise, beliebte Namen zu wählen, ist also geblieben.

Seit 60 Jahren wird „KuB“ mit Begeisterung gelesen. Es ist ein wahrer „Klassiker“, der mich durch Bild und Text überzeugt hat. Nicht umsonst ist dieses Buch ein „Longseller“. Dieses Buch ist auch heute noch ein Wegweiser und muss es umso mehr in den 50-er Jahren gewesen sein. Man entwickelt als Kind mit Sicherheit eine besondere Beziehung zu den Hauptfiguren, die optisch eine Augenweide sind, dadurch werden sie zu „Sympathiefiguren“. Man kann sie sich einfach merken und überall erkennen, da der eine rote und der andere schwarze Haare hat. Das Buch soll das Kind dazu anregen über Zahngesundheit nachzudenken. Mit Hilfe des erläuternden Erwachsenenteils wird es auch den Sinn des Buches, die Wichtigkeit des Zähneputzens erfassen und zur Einsicht gelangen, dass Karius und Baktus aus dem Mund haben vertrieben werden müssen, um den Jungen vom Zahnschmerz zu befreien. In „Vom Jörg“ wird mit erhobenen Zeigefinger darstellt, was passiert, wenn man nicht putzt und viele Süßigkeiten isst.

Diesem Buch ist die DDR Zeit anzumerken. Es ist im Stil der 70-er Jahre gehalten und hat mich durch den Zahnwehmännlein Reim beeindruckt. Alles ist sehr ordentlich und sehr sauber, sehr anschaulich und sehr real. Den Anhangstext von Dr. Heiler finde ich immer noch sehr zeitgemäß. Die Geschichte der 70- er Jahre thematisiert damit den Lehrsatz: „aus Schaden wird man klug“. Wer diesen aber heute als pädagogisch nicht sinnvoll und wertvoll erachtet, der wartet auf die dafür brauchbaren Ratschläge vergebens. Durch seine erzieherische Funktion soll das Buch Einfluss auf die Handlung weisen und die Erziehung beeinflussen. Das als drittes analysierte Buch „Milchzahnstrasse“ ist ein sehr modernes Buch von der Sprache und vom Bild her.

Die Modernität des Textes ist allgegenwärtig (Hacky, Dicky, Chefetage). Das Bild- und Textverhältnis steht nicht im Einklang. Das eine Bild war teilweise schwer verständlich (Bild mit der Zunge und technisiertes Bild mit der Pipeline). Hacky und Dicky sind wie eine moderne Kopie von Karius und Baktus. Wie kommen die Bilder beim Endabnehmer, dem Kind, an? Hier ist die Rolle der Erwachsenen, der großen Geschwister, der Freunde, der Erzieherin auch insbesondere für ausländische Mitbewohner, die keine Vorleser mit genügend Deutschkenntnissen haben, ausschlaggebend. Leider gibt es oft auch genügend deutschsprachige Familien, die wenig zur Leseförderung ihrer Kinder beitragen. Den Worten von Hans Adolf Halbey möchte ich zustimmen: „Es wurde oben einmal vermerkt, dass nicht jeder gute Schriftsteller und Maler ein gutes Bilderbuch für Kinder machen kann; um das zu können, muss etwas vom Kind in ihm lebendig sein“ (Halbey 1997, 180).