Zahnärztlich chirurgische Behandlung von Patienten unter oraler Antikoagulation

Erarbeitung einer Leitlinie

Dr. Thomas Schug

Die zahnärztlich chirurgische Behandlung von Patienten unter oraler Antikoagulation ist für viele niedergelassene Kolleginnen und Kollegen häufig mit Unsicherheit verbunden, weil genaue Behandlungsanweisungen für diese Patientengruppe nicht existieren oder für den Praxisalltag zu unspezifisch und unübersichtlich sind. 

Die Folge ist, dass viele Patienten mit oraler Antikoagulation nicht oder nur ungern ambulant behandelt werden. Dieses Problem wird zukünftig noch an Bedeutung gewinnen, weil die Inzidenz der Patienten mit oraler Antikoagulation durch die zu erwartende demographische Entwicklung und die damit einhergehende Zunahme der Multimorbidität stetig ansteigen wird. 

Ziel dieser Masterarbeit ist es, eine in der täglichen zahnärztlichen Praxis anwendbare Leitlinie zu erarbeiten. Dazu werden zunächst auf der aktuellen wissenschaftlichen Literatur aufbauende evidenzbasierte Kernaussagen erstellt, die anschließend mit Hilfe eines spezifischen Gruppenprozesses, der sogenannten Triade, modifiziert und zu einer gut handhabbaren Leitlinie entwickelt werden. 

Die häufig geübte Praxis einer Umstellung von Patienten mit oraler Antikoagulation auf Heparin oder Thrombozytenaggregationshemmer im Vorfeld einer zahnärztlich chirurgischen Behandlung ist mittlerweile obsolet. Dieses Vorgehen führt zu einem inakzeptablen Anstieg des Risikos einer thromboembolischen Komplikation, ohne dass dadurch eine nennenswerte Reduktion der intra- oder postoperativen Blutungsneigung erzielt werden kann. Patienten mit oraler Antikoagulation sollten für einen zahnärztlich chirurgischen Eingriff grundsätzlich nicht von ihrer Therapie abgesetzt werden. Der Eingriff kann und sollte völlig gefahrlos unter voller Antikoagulation bei einer INR zwischen 2.0 und 4.0 erfolgen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine geübte, möglichst atraumatische oralchirurgische Vorgehensweise und ein möglichst gutes prä- und postoperatives Management sowie eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit. 

Die hier erstellte Leitlinie betrifft nur die zahnärztlich chirurgische Behandlung oral antikoagulierter Patienten. Sie ist weder ohne Weiteres auf Patientengruppen mit anderen, gegebenenfalls schwerwiegenderen Gerinnungsstörungen zu übertragen, noch sind die hier ausgesprochenen Empfehlungen auf ausgedehnte mund-, kiefer-und gesichtschirurgische Eingriffe oder auf die Allgemein- oder Unfallchirurgie anzuwenden. Neben der ausführlichen Darstellung der in dieser Arbeit entwickelten Leitlinie wird ein übersichtlicher, gut handhabbarer Algorithmus vorgestellt, zusätzlich ergänzt durch in der täglichen zahnärztlichen Praxis einsetzbare Blutungsanamnesebögen, Patientenlaufzettel und Merkblätter.