Karlsruher Vortrag - "Mund auf"

Dr. mult. Viviane Reding, Brüssel
"Pimp my Teammeeting" Albrecht Kresse

Karlsruher Vortrag 2017

Stadthalle Karlsruhe,
Friedrich-Weinbrenner-Saal
Samstag, 01. April 2017 | 11.00 Uhr

Dr. mult. Viviane Reding, Brüssel
Vizepräsidentin der Europäischen Kommission em.

Die Zukunft Europas
„Die EU ist ein Friedensprojekt, ein Projekt, in dem wir zusammenarbeiten und nicht einer gegen den anderen.“ Diese Feststellung traf Viviane Reding am 29.06.2016 in einer Gesprächsrunde im deutschen Fernsehen. Sie stellte mit dieser Aussage klar, wofür sie steht: Für ein Europa, in dem die Mitglieder sich gegenseitig respektieren und zusammenarbeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Damit legte sie auch die Ziele ihrer eigenen beruflichen und politischen Laufbahn dar, die sie als Mitglied des
luxemburgischen Parlamentes begann.

Im Jahr 1989 wurde sie erstmals ins Europäische Parlament gewählt. Zehn Jahre später erfolgte durch
Romano Prodi ihre Berufung in die Europäische Kommission, in der sie zunächst für „Kultur, Bildung,
Jugend, Medien und Sport“ verantwortlich war. Ein besonderes Anliegen in diesem Amt war ihr der
Studentenaustausch unter den Mitgliedsstaaten. Von 2004 bis 2010 leitete sie das Ressort „Medien und Informationsgesellschaft“, um dann die Verantwortung für das neu gegründete Ressort „Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft“ zu übernehmen.

Gleichzeitig wurde sie zur Vizepräsidentin der Kommission berufen. Schwerpunkte ihrer Arbeit bis 2014
waren der Datenschutz in Europa sowie die Erhöhung der Anzahl von Frauen in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen. Im Jahr 2014, nach 15 Jahren leitender Tätigkeit, schied sie aus der Kommission aus und wurde wiederum als luxemburgische Abgeordnete in das Europäische Parlament gewählt.

Kaum jemand kennt die Europäischen Institutionen so gut wie Viviane Reding. Aus eigener Erfahrung
weiß sie, wie in Brüssel agiert wird und wie die Dinge von den nationalen Regierungen im eigenen Land
dargestellt werden. Hierbei hat sie oft Widersprüche festgestellt, die den gemeinsamen Zielen nicht förderlich waren.

Dennoch hält sie fest an ihrem Ziel: Dem geeinten Europa. In der oben zitierten Gesprächsrunde drückte sie es so aus: „Ich werde weiterkämpfen für ein Europa, in dem Vielfalt besteht - aber in Einigkeit“.

 

 

 

"Mund auf" -
lebendiger gesellschaftlicher Diskurs

Begegnung und Gespräch sind die Ausgangspunkte des öffentlichen Diskurses in jeder demokratischen Gesellschaft. Heute findet dieser Diskurs zumeist in den Medien statt, wo er sich ganz spezifischen Bedingungen und Regeln unterwerfen muss. Im Karlsruher Vortrag „Mund auf“ wird die ursprüngliche Idee des öffentlichen Diskurses bewahrt: Reden und Zuhören, Nachdenken und Antworten in der direkten Begegnung mit einer Persönlichkeit, die die Herausforderung zur öffentlichen Rede angenommen hat.

Seit 1983 findet der Karlsruher Vortrag „Mund auf“ statt. Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Publizistik haben gesellschaftliche Entwicklungen beschrieben und gedeutet, die alle angehen. Der Vortrag bietet Raum und Zeit, dies in der gebotenen Ausführlichkeit zu tun. Dem Redner bietet er ein hochgestimmtes und aufmerksames Publikum.

Die Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe erfüllt mit ihrer Gastgeberschaft für den Karlsruher Vortrag einen Anspruch, den sie sich selbst gestellt hat. Sie macht deutlich, dass die Zahnärzte sich ihrer Verantwortung für die Gesellschaft als Ganzes bewusst sind und ihren Beitrag leisten, gesellschaftliche Probleme zu erkennen und zu lösen.

Die Referenten und ihre Themen

2016
Michael Zammit Cutajar

Das globale Klima schützen
"Es stellt sich mir eine politisch moralische Frage. Wir leben hier in einer Demokratie. Wir befürworten die Demokratie gegenüber allen anderen Regierungsformen. Aber zukünftige Generationen, deren Interessen wir zu schützen versuchen, können heute nicht mit abstimmen. Wie kann Demokratie Konsens und Handeln generieren im Hinblick auf die Interessen der Zukunft? Es stellt sich eine weitere Frage, die zum Klimawandel und zur Armut. Wenn wir die Welt retten wollen, welche Welt retten wir da eigentlich? Es ist doch eine sehr ungleiche und ungerechte Welt. Es wäre unmoralisch darauf abzuzielen eine Erwärmung um 1,5 oder 2 Grad zu verhindern und dabei den Armen den Zugang zur Energie zu verwehren. Auf der anderen Seite - positiv ausgedrückt - erneuerbare Energien den Armen zu bringen, im ländlichen Raum der großen Entwicklungsländer, dass könnte mit diesen Formen der Energie doch viel leichter sein, als auf dem klassischen Wege."

Achille Mbembe
Philosoph und Historiker

2015
Achille Mbembe

Afrika im neuen Jahrhundert
"Um alternative Möglichkeiten zu entdecken, in dieser Zeit des Neoliberalismus das Leben und die menschliche Zukunft neu zu denken, müssen wir das Projekt des Nicht-Rassismus und das der menschlichen Gegenseitigkeit auf vollkommen neue Weise miteinander verbinden. Letztlich zielt Nicht-Rassismus auf radikale Teilhabe und universellen Einschluss. In diesem Sinne ist Nicht-Rassismus die Antithese zu den Gesetzen des Marktes. Die Dominierung der Politik durch das Kapital hat zum Verlust zahlloser menschlicher Leben und zum Entstehen großer Anteile toten Wassers und toten Landes geführt. Um die Zukunft unseres Planeten wieder für alle die ihn bewohnen zu öffnen, werden wir lernen müssen, ihn wieder zwischen den Menschen und – darüberhinaus – zwischen Menschen und nicht-menschlichem Leben zu teilen."

Prof. Dr. Bernhard Pörksen
Medienwissenschaftler

2014
Prof. Dr. Bernhard Pörksen

Illusionen der Wahrheit. Von der Macht der Gewissheit.
"Das ist auf den ersten Blick eine ziemlich schlechte Nachricht zum Schluss. Denn es gibt keinen Automatismus der Entscheidung, der uns zur Ruhebank einer festen Wahrheit führen könnte. Und es ist auf den zweiten Blick – hoffe ich zumindest – eine grandios gute Nachricht, denn die Entscheidung einer unentscheidbaren Frage über das gute, das richtige Leben und Handeln macht uns klar, dass wir in diesem Moment frei sind, dass wir frei sind und verdammt sind zur Freiheit, in gewissem Sinne, und verdammt sind zur Verantwortung. Und wir können mit unseren Entscheidungen richtig liegen und wir können uns irren und wir können eine Illusion vertreten und wir können an eine Wahrheit glauben, die sich eines Tages als Illusion erweist. Aber es kommt bei all dem unvermeidlich auf uns an, auf unsere Einschätzung der Situation und der Lage. Es kommt auf jeden einzelnen an, der den Mund aufmacht."

Petros Markaris
Autor und politischer Kommentator

2013
Petros Markaris

Der Schriftsteller und die Städte
"Es gibt nur eine Möglichkeit eine Stadt zu erleben: wenn man in der Stadt herumläuft – am besten ziellos. Warum ziellos? Ja, weil es besser ist, wenn die Stadt auf Sie zukommt statt umgekehrt. Da nützen Taxi und Auto gar nichts, denn eine Stadt besteht nicht nur aus Straßen und Schaufenstern, modernen Gebäuden und Altbauten, eine Stadt – das sind vor allen Dingen ihre Menschen. Und Menschen verkehren in jeder Stadt anders."

Rafik Schami
Syrisch-deutscher Erfolgsautor

2012
Rafik Schami

Der Mut, die Würde und das Wort.
Eine Aufforderung, Dinge beim Namen zu nennen.
"Die Freiheit ist kein Luxus für ein paar wenige Menschen oder Länder. Sie ist eine Kollektivphantasie der Menschheit. Sie ist viel älter als die Demokratie und zugleich deren Voraussetzung. Eine Gesellschaft, die Freiheit fördert, glaubt an den Menschen und dessen Beitrag zu ebendieser Gesellschaft und gewährt ihm Immunität für die Äußerung seiner Gedanken unabhängig von seiner Herkunft, Religion und Stellung. Differenz der Meinungen ist Reichtum, ein Luxusgut, ein Kind der Demokratie und Freiheit. Man kann eine Demokratie gar nicht genug damit anreichern."

Dr. Philipp Rösler
Bundesminister für Gesundheit

2011
Dr. Philipp Rösler

Gesundheit in Deutschland - ein besonderes Thema
"Also ist es in der Tat so, die Kunst in der Politik besteht darin, grundsätzliche Überlegungen zu machen – daran scheitern schon manche – aber wenn man dann grundsätzliche Überlegungen und Ideen hat, dann muss man eben auch versuchen, diese in die Wirklichkeit zu übertragen und darf dabei nicht an den Menschen oder den vorhandenen Strukturen einfach so vorbei gehen. Sonst wird Politik sich entfernen vom grundlegenden Ideal hin zu einer Ideologie, weil man eben dann meint, das, was man sich mal am grünen Tisch ausgedacht hat auch umsetzen zu müssen – koste es was es wolle, mit aller Gewalt. Dass das in der Demokratie nicht möglich ist, macht sie manchmal so zäh, ist aber im Ergebnis ganz gut."

Matthias Horx
Trend- und Zukunftsforscher, Wien

2010
Matthias Horx

Die Weisheit der Krise - vom Wesen des Wandels
"Um diesen Prozess zu verstehen, müssen wir auch verstehen, was Veränderung von Wandel unterscheidet. Veränderung findet immer aus äußerem Zwang statt – durch ständige Turbulenzen in Ökonomie, Umwelt und politischen Verhältnissen. Das zwingt Menschen zu Reaktionen, zu Anpassungsleistungen. Wenn wir von Wandel sprechen, dann meinen wir etwas anderes. Wir meinen die bewusste Gestaltung der Veränderung durch menschliche Erkenntnis. Wir möchten aus Selbsterkenntnis über die Entdeckung von Möglichkeiten zu Wahlmöglichkeiten kommen. Jeder Mensch und jede Gesellschaft hat im Grunde eine Wahl über die Zukunft. Und wir möchten von einer Zuspitzung und Angstbetonung zu Imaginations- und Kooperationsfragen umschalten. Wir möchten die Frage anders herum stellen. Nicht, warum geht es garantiert schief, sondern wir wollen fragen, wie müssen z. B. Eltern, Staat, Lehrer und Schüler kooperieren, um eine zukunftsfähige Schule zu generieren."

Prof. Dr. Wangari Maathai
Friedensnobelpreisträgerin 2004
Green Belt Movement, Nairobi, Kenia

2009
Prof. Dr. Wangari Maathai

Umwelt, Demokratie und Frieden:
Eine entscheidende Verbindung
"Doch darüber hinaus, so denke ich, brauchen wir wirklich sehr viel politischen Willen. Es ist einfach für uns gewöhnliche Menschen, aufgeregt zu sein und sich zu fühlen, als könnten wir es selbst tun. Doch politischer Wille ist extrem wichtig und so hoffen wir, dass Regierungen damit fortfahren werden, Beiträge für die Umwelt zu leisten und – wie ich ganz am Anfang sagte – das kann man nicht tun, wenn man keine demokratische Staatsführung hat mit Respekt für die Rechtsstaatlichkeit, Respekt für Menschenrechte, Respekt für die Vielfalt. Das ist die Basis für uns, unsere Ressourcen handhaben zu können – auf verantwortungsvolle und nachvollziehbare Art und Weise."

Dr. Wolfgang Schüssel
Bundeskanzler der Repuplik Österreich a. D.
Klubobmann der ÖVP, Wien

2008
Dr. Wolfgang Schüssel

Die politische Verantwortung Europas
für Stabilität und Frieden am Balkan
"Der Balkan, das ist eine Region voll Reichtum. Und ich glaube überhaupt, dass diese Region, die Donauregion, die ja Humboldt schon vor über 150 Jahren als eine der spannendsten Weltregionen beschrieben hat, in den nächsten 20 bis 30 Jahren eine der spannendsten wirtschaftlichen und eine der fruchtbarsten europäischen Regionen sein wird. Und wir sind dabei. Nur, wir müssen etwas tun dafür. Wir müssen bereit sein, den jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Wir müssen die Kooperation der Forscher ermöglichen. Wir müssen in der Lage sein, dort etwas anzusiedeln, damit der brain-drain gestoppt wird. Es wäre ganz schlecht, wenn die guten, qualifizierten Leute weggehen würden. Wir müssen von Europa her schauen, dass das nicht ein Armenhaus wird, sondern ein Begabungszentrum. Das ist der entscheidende Punkt, der meiner Meinung nach von der europäischen Union ermöglicht werden kann. Ich glaube daher, dass wir uns überhaupt nicht vor der Zukunft fürchten müssen. Wer jetzt etwas investiert in diese Zukunft, wird selber davon profitieren."

Dr. Siegfried Jaschinski
Vorsitzender des Vorstandes der Landesbank Baden-Württemberg

2007
Dr. Siegfried Jaschinski

Zur Rolle der Banken für die deutsche
Wirtschaft im Zeitalter der Globalisierung
"Die grundsätzliche Herausforderung im globalen Kapitalmarktumfeld, eine neue, tragfähige Balance zwischen zwei Polen zu finden, ist zu bewältigen. Der eine Pol sind die auf einen immer kurzfristigeren Horizont fokussierten Renditeerwartungen internationaler Kapitalmarktinvestoren und der andere Pol ist, den Unternehmen Raum für eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Zukünftig wird dies eine zentrale Frage der deutschen Wirtschaft werden. Eine Frage, die eng mit der Rolle der Banken verbunden ist. Auch wir als Banken müssen zwischen diesen Polen das richtige Maß finden, um die Wertschöpfung unserer Volkswirtschaft voran zu bringen und gleichzeitig Verkrustungen zu vermeiden."

Dr. Mohamed ElBaradei, M.A.
Friedensnobelpreisträger 2005 Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation, Wien

2006
Dr. Mohamed ElBaradei, M.A.

Atomarer Abrüstung und der Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen Biss geben
„Je länger wir hinterherhinken, sensitive nukleare Betriebe unter multinationale Kontrolle zu stellen, desto mehr Länder werden bestrebt sein, solche Einrichtungen zu bauen. Je länger wir globales Lagern von nuklearem und radioaktivem Material hinnehmen, desto höher wird das Risiko, dass diese in die Hände von Terroristen fallen. Je länger eine effektive, mit amtlicher Befugnis ausgestattete Nachprüfung nicht generell stattfindet, desto höher wird das Potential an heimlicher Aktivität. So lange Abrüstungsmaßnahmen nicht bedeutsam weiterentwickelt werden, werden Anstrengungen zur nuklearen Nichtweiterverbreitung mit Zynismus bestraft und noch mehr Länder werden versuchen, „in die Meisterklasse zu kommen“. Und je länger der Weltsicherheitsrat nicht systematisch, unparteiisch und effektiv als Wächter von internationalem Frieden und Sicherheit handelt, um so mehr wird seine Legitimität unterwandert werden. Ein Gefühl von Unsicherheit wird fortschreitend die Oberhand gewinnen. Die Ironie ist, dass wir die Probleme und ihre Lösungen kennen. Was jetzt unbedingt notwendig ist, ist die Einsicht und die Bereitschaft, die Hybris zu überwinden, die bedrohlich unsere gegenseitige Zerstörung ankündigt. Statt dessen sollten wir an einer Kulturgemeinschaft bauen, die ihre Wurzeln hat in der Eintracht der menschlichen Familie, in der Unverletzlichkeit allen menschlichen Lebens sowie in den Kernwerten, die uns alle verbinden – eine Zivilisation, menschenfreundlich und gerecht.”

Stephen K. Green, M.A.
Group Chief Executive, HSBC Holdings plc, London

2005
Stephen K. Green, M.A.

Asien betritt die Weltbühne -
Gibt es eine neue Weltordung?
„Der Aufstieg Chinas und Indiens wird das Gefüge der internationalen Beziehungen erheblich ändern. Ich würde soweit gehen, die wirtschaftliche Modernisierung Asiens als die bisher gravierendste Folge der Globalisierung zu bezeichnen. Wenn wir dies akzeptieren, was heißt das dann für die reichen Länder von heute einschließlich der führenden europäischen Wirtschaftsnationen? Hört man auf die Schwarzseher, so könnte man meinen, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht. Ich bin aber kein Pessimist. Europa hat seine Fähigkeit, sich selbst neu zu erfinden, immer wieder unter Beweis gestellt. Man sollte diese Fähigkeit nicht unterschätzen.“

Prof. Dr. Lilia Shevtsova
Carnegie Endowment, Moscow

2004
Prof. Dr. Lilia Shevtsova

Putins Russland -  Neue globale und innere
Herausforderungen einer früheren Weltmacht
„Der zweite Weg, den Präsident Putin einschlagen könnte, die Reform des Regimes, ist riskanter, bietet keine Erfolgsgarantien und schließt eher die Möglichkeit ein, dass er sich dabei das Genick bricht. Wenn das politische Steuer nicht mit Umsicht betätigt wird, könnte die Reform in Gorbatschowismus enden, wobei der Mann an der Spitze die Kontrolle über die Macht und über die Ereignisse verliert. Wladimir Putin könnte aber auch Glück haben. Wenn er sich dazu entschlösse, das Regime zu öffnen und auf dem schmalen Grat zu wandern, ohne dabei zu scheitern, würde er etwas erreichen, was noch keinem russischen oder sowjetischen Staatschef vor ihm gelungen ist: Er würde mit dem Aufbau eines verantwortungsbewussten Regierungswesens beginnen, das nicht auf den irrationalen oder mystischen Kräften des Mannes an der Spitze, sondern auf Rechtsstaatlichkeit aufgebaut wäre. Das wäre ein neues Kapitel in der russischen Geschichte. Sich zu überwinden und neue Antriebskräfte oder ein neues Geschick zu finden, reicht aus, jede Nation groß und jeden Staatschef denkwürdig zu machen.“

Prof. Dr. W. Michael Blumenthal
Direktor des Jüdischen Museums Berlin

2003
Prof. Dr. W. Michael Blumenthal

Juden in Deutschland -
Gestern, heute und morgen
„Das Schöne und Bewundernswerte ist, dass diese Generation, die Nach-68er-Generation, sich endlich der Vergangenheit gestellt hat; dass es heute ein ganzes Netzwerk von Institutionen gibt in der Bundesrepublik, das sich der Vergangenheit stellt; dass man sagt, wir wollen nichts unter den Teppich fegen, wir wollen mit offenen Augen auch unseren Kindern darüber etwas sagen, um zu lernen. Zu lernen, dass Juden nicht nur Opfer waren, sondern, dass Juden normale deutsche Bürger waren: kluge, dumme, dicke, dünne, reiche, arme, wie alle anderen auch.“

Wolfgang Thierse
Präsident des Deutschen Bundestages

2002
Wolfgang Thierse

Zukunft Ost.
Die Deutsche Einheit in europäischer Perspektive
„Die wirtschaftliche Situation gerade in den neuen Bundesländern ist kompliziert, unbequem, widersprüchlich. Tatsächlich befinden sich Ost und West in einem erheblichen Wandlungsprozess und den haben wir – auch im Westen Deutschlands – noch lange nicht bewältigt. Es besteht deshalb weder Anlass zu Resignation noch zu einer Art westdeutscher Überheblichkeit. Ich sage sogar: Ostdeutschland kann vom Westen nicht mehr viel lernen. Aber ohne den Westen geht es zwangsläufig auch nicht.“

The Right Honourable Lord Dr. Ralf Dahrendorf
Baron of Clare Market in the City of Westminster

2001
The Right Honourable Lord Dr. Ralf Dahrendorf

Gemeinsame Werteüberzeugungen - auch 2001 noch nötig?
„Weniges ist schlimmer als die Beliebigkeit der haltlosen Welt, denn der Weg von der Anomie zur Tyrannei ist kurz. Wir brauchen die lebhafte Bemühung um gemeinsame Werteüberzeugungen, auch im 21. Jahrhundert. Das heißt vor allem, wir brauchen diejenigen, die sich die Mühe machen, die öffentliche Diskussion um solche Werteüberzeugungen in Gang zu halten. Dazu jährlich Anlass zu geben ist der Verdienst der Karlsruher Akademie für Zahnärztliche Fortbildung. Wir schulden ihr Dank.“

Eine multimediale Reportage und
Analyse zur Standortbestimmung
des Berufstandes

2000
Eine multimediale Reportage und Analyse zur Standortbestimmung des Berufstandes

Der Zahnarzt der Zukunft -
40 Jahre Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe.
Je freiheitlicher eine Gesellschaft ist und je mehr Individualität sie hat, je mehr muss sie auch darüber nachdenken, wie sie diese Formen ohne den Staatsapparat ausfüllt. Ich bin beeindruckt von der Akademie in Karlsruhe, die sich selber trägt und wo ich mich frage, wie hoch der Zuschussbedarf wäre, wenn dies eine Einrichtung in öffentlicher Hand wäre.“ (Lothar Späth, 04.04.1987)

His Grace, the Most Reverend and Right Honourable Dr. George Leonard Carey
Erzbischof von Canterbury

1999
His Grace, the Most Reverend and Right Honourable Dr. George Leonard Carey

Die Jahrtausendwende und die Seele Europas
„Doch muss Gottes Gesetz verinnerlicht werden! Es geht nicht nur um unser Handeln; wir müssen vor allem auch bereit sein, unsere Denkweise zu ändern. Wenn dieses Gesetz nicht mehr im menschlichen Herzen verankert ist, sinken auch die Aussichten, dass es beachtet und umgesetzt wird. Wenn der absolute Charakter ‘du sollst‘ in Frage gestellt wird, tut sich schon die Aussicht auf ein Abgleiten in moralische Finsternis auf.“

Dr. Haris Silajdzic
Ko-Präsident des Ministerrates von Bosnien-Herzegowina

1998
Dr. Haris Silajdzic

Europa und der Islam
„Wir alle waren felsenfest überzeugt, dass in unserem Land so etwas nie wieder geschehen könnte. Ein Philosoph hat einmal gesagt, zwischen einem normalen Menschen und einem Verbrecher liegen fünf Mahlzeiten – fehlende Mahlzeiten. Der Mensch ist zu allem fähig. Ein solches Blutvergießen kann man nicht mit zynischer Realpolitik heilen. Es ist nicht menschlich, wenn man an Bosnien die Maßstäbe von Naturkatastrophen anlegt. Hier hatten wir es nicht mit einem Naturereignis, sondern mit einer von Menschenhand angezettelten Katastrophe zu tun.“

Carla Del Ponte
Die Bundesanwältin der schweizerischen Eidgenossenschaft

1997
Carla Del Ponte

Der Kampf gegen die organisierte Kriminalität:
Symptombekämpfung oder Wurzelbehandlung
„Kriminalität kann ganz allgemein als Krankheit betrachtet werden, die nicht nur Bürgerinnen und Bürger, sondern mitunter auch Organe von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft befällt. Ist diese Kriminalität organisiert, kann sie – wie ein Krebsgeschwür – metastatische Formen annehmen. Ich glaube, wir haben allen Anlass, das Problem organisierte Kriminalität deswegen sehr ernst zu nehmen.“

Otto von der Gablentz
Recteur du Collège d‘Europe, Brugge

1996
Otto von der Gablentz

Der Weg zu einem europäischen Deutschland –
Deutsche Außenpolitik aus der Erfahrung eines Botschafters
„Europa ist kein Ersatz für den alten Nationalstaat, sondern bleibt ein fortlaufendes Experiment auf der Suche nach neuen Formen politischer Organisation, politischen Innovationen, die den Herausforderungen der modernen Welt gewachsen sind. Ein ehrliches Verhältnis zur eigenen Geschichte bleibt wesentlich für Deutschland und unsere Stellung in der Welt. Daraus folgt eine Kultur der Zurückhaltung bei der Verfolgung enger nationaler Ziele. Wir wissen, dass unsere Vergangenheit und unsere kritische Größe in Europa sonst zu einem Störfaktor einer Zusammenarbeit wird.“

1995
Dr. Irfan Ljubijankic

Bosnien und Herzegowina –
Aufgabe und Prüfstein für Europa
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Diesen Satz, diesen Gedanken kann man lesen und verstehen oder auch nicht. Wir in Bosnien haben ihn durchaus verstanden. Diejenigen, die in Sarajevo und Bosnien dreieinhalb Jahre lang Menschen umgebracht haben – völlig gesunde junge Männer, gut ernährt, kräftig, nicht verhungert – haben am hellichten Tag Menschen kaltblütig ermordet. Hunger hatten sie in der Seele.“

* Dieser Vortrag konnte nicht gehalten werden, da der Referent vor dem Vortragstermin Opfer der Kriegshandlungen in Bosnien wurde.

Dr. Dr. h. c. Jehan Sadat
Kairo, Ägypten

1994
Dr. Dr. h. c. Jehan Sadat

Meine Erfahrungen mit Frauen im Nahen Osten
„Gewiss, die Frauen müssen befreit werden, doch nicht vom Islam. In der heutigen Welt müssen die Frauen von archaischen, paternalistischen Stammessitten befreit werden, die mit dem Islam nichts zu tun haben. Viele Menschen benutzen den Islam als Vorwand, um archaische Bräuche beibehalten zu können, obwohl sie den Lehren des Islam zuwiderlaufen.“

Yitzhak Navon
5. Präsident des Staates Israel

1993
Yitzhak Navon

Friedensaussichten im Nahen Osten
„Die Gründer des Staates Israel haben nicht nur von Unabhängigkeit geträumt, sondern gewünscht, dass dieser Staat ein Land von überlegener Moral und mit überlegenen wissenschaftlichen und menschlichen Gaben werde, eine gerechte Gesellschaft, aufgebaut auf Gerechtigkeit, Recht und Gesetz, auf Demokratie. Um das alles zu erreichen, brauchen wir den Frieden mit unseren Nachbarn, einen Frieden, der uns befreit von Alpträumen, Tränen, Zerstörung und Tod. Nur dann kann an unserem Himmel eine neue Morgendämmerung aufsteigen.“

Seine Eminenz Dr. Dr. h. c. Agostino Kardinal Casaroli
Kardinalstaatssekretär em.

1992
Seine Eminenz Dr. Dr. h. c. Agostino Kardinal Casaroli

Zwischen Geschichte und Prophetie
„Es wird also gut sein, wenn die Verantwortlichen für das Leben der Völker keine Exklusivwahl zwischen Geschichte und Prophetie treffen. Während sie die Füße fest auf dem Boden der Geschichte haben, wird der prophetische Hauch, der aus einer umfassenden Sicht der Menschheit und ihrer Geschichte herstammt, ihrem Tun eine Vornehmheit und schließlich eine Zustimmung zur tiefsten Wirklichkeit des Menschen verleihen, die die Lektionen der Geschichte allein kaum gewährleisten können. Dieses ist zugleich ein Wunsch: Für die Staatsmänner und für die Welt!“

Dr. Colette Flesch
Generaldirektorin der Europäischen Kommission, Brüssel

1991
Dr. Colette Flesch

Die europäische Bedeutung eines vereinigten
Deutschlands in einem vereinten Europa
„Ich weiß, dass die Deutschen sehr mit sich ringen, ob durch eine Verfassungsänderung beispielsweise Bundeswehreinsätze im Rahmen der Vereinten Nationen möglich sein sollen. Die Deutschen sind aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke und ihrer politischen Lage, aber auch ihrer militärischen Stärke, ein wichtiger Partner in Europa. Ich möchte die Deutschen ermuntern, die damit verbundene Verantwortung wahrzunehmen – und zwar zum Nutzen eines beschleunigten Einigungsprozesses im Rahmen der Europäischen Union.“

Prof. Dr. Dr. h. c. Erwin Chargaff
Direktor em. des Biochemischen Institutes der Columbia Universität, New York

1990
Prof. Dr. Dr. h. c. Erwin Chargaff

Der Strom des Wissens und seine Ufer
„Wäre ich ein allmächtiger Mandschukaiser, wie China sie im Mittelalter kannte, so würde ich sagen: Eine sofortige Dämpfung der Wissensinflation ist unbedingt notwendig. Das wird natürlich allen als eine Dystopie erscheinen. Ich aber kann nur sagen: Wahres Wissen ist herrlich, es erweitert den Geist; leeres Wissen ist tödlich, es erstickt den Geist. Da Adam und Eva bekanntlich mit der Fähigkeit ausgestattet wurden – allerdings nicht von Gott – das Gute und das Schlechte zu erkennen, sollte uns die Unterscheidung nicht schwerfallen.“

Prof. Dr. Dr. Reinhard Löw
Direktor des Forschungsinstitutes für Philosophie, Hannover

1989
Prof. Dr. Dr. Reinhard Löw

Die ethische Brisanz der Gentechnologie
„Die ethische Brisanz der Gentechnologie steckt fundamental in der Auffassung des Verhältnisses von Naturwissenschaft und Medizin. Wenn wir die Naturwissenschaft in Analogie zum ärztlichen Handeln, auch als auf den Menschen bezogen verstehen, dann sehe ich dem Ausgang der ethischen Debatte um die Gentechnologie gelassen entgegen. Sollte die Medizin sich selbst dagegen nur noch in Analogie zu und als diffusen Schnittpunkt aus „wirklich“ exakten und objektiven Wissenschaften, Physik, Chemie, Biologie verstehen wollen, dann ist, zum Preis des Humanen, jede Barriere bereits durchbrochen.“

Dr. Anthony Edward Rupert
Chairman of Rembrandt International Stellenbosch, South Africa

1988
Dr. Anthony Edward Rupert

Afrika als Herausforderung
„Heute werden wir wegen der Apartheid als Unterdrücker betrachtet. Wir stehen deshalb vor dem schwierigsten Trek, den man sich überhaupt vorstellen kann, dem Trek weg von jeder Diskriminierung. Ich bin überzeugt davon, dass wir es schaffen werden. Wir gehören zu Afrika. Wir sind die hellhäutigen Katalysatoren, die mithelfen, dass die Dinge in Gang kommen. Häuptling Buthelezi hat einmal gesagt: ‘Südafrika ist wie ein Zebra; wenn die weißen Teile verletzt sind, sterben auch die schwarzen Teile ab.’ Ich bin ganz seiner Meinung und sage: ‘Wenn die schwarzen Teile Schaden nehmen, sterben auch die weißen Teile."

Lothar Späth
Ministerpräsident von Baden-Württemberg

1987
Lothar Späth

Die Bundesrepublik vor neuen Herausforderungen -
Brauchen wir ein neues Konzept des Wohlfahrtsstaates?
„Die Politik reflektiert den Zustand der Gesellschaft. Was ich wollte, war, anzuregen, dass wir wieder mehr miteinander in diese Grundsatzdiskussion eintreten müssen. Eine Gesellschaft, in der nur die einzelnen Gruppen ihre Rechte sichern wollen und diese bedingungslos gegen den Rest der Gesellschaft verteidigen, dass dies eben genau diese egoistische, beharrende, sich an Gestern festkrallende Gesellschaft ist, die nicht die Individualität, die Freiheitlichkeit und letztlich auch die innere Substanz entwickeln kann, die für eine moderne, friedliche Zukunftsgesellschaft Voraussetzung ist.“.“

Dr. Joseph Luns
NATO-Generalsekretär

1986
Dr. Joseph Luns

Wie kann man in den kommenden Jahren den Weltfrieden erhalten?
„Die Verteidigungsgemeinschaft der Nordatlantischen Staaten war und ist der wichtigste Beitrag zum Erhalt des Weltfriedens. Eines sollte man sich jedoch für eine realistische Betrachtungsweise immer im Gedächtnis behalten: der Oberkommandierende muss immer ein Amerikaner bleiben, während der Generalsekretär aus Europa kommen muss. Sie werden verstehen, dass ich für dieses außerordentlich politisch wichtige Amt einen Politiker aus den kleineren Staaten Europas bevorzuge.“

Dr. Dr. h. c. Theo Sommer
Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Die Zeit“

1985
Dr. Dr. h. c. Theo Sommer

Wird das 21. Jahrhundert zum Jahrhundert des Pazifiks?
„Tatsache bleibt gleichwohl, dass in den Vereinigten Staaten während der letzten Jahre das Interesse an Asien ungeheuer gewachsen ist. Dieses Interesse ist nicht völlig neu. Neu ist allerdings, dass gleichzeitig das Interesse an Europa nachzulassen scheint. Die Amerikaner sind über Europa enttäuscht. Sie wissen nicht, wo die Europäer hinwollen. Sie selber schwimmen auf einer Woge des zukunftsträchtigen Optimismus. In der Alten Welt erblicken sie bloß, was sie höhnisch „Europessimismus“ und „Eurosklerose“ nennen – Zukunftsverzagtheit und Unbeweglichkeit. Aus ihrer Warte haben ihnen die Westeuropäer seit Jahren immer nur Ärger und Verdruss bereitet.“

Rudolf v. Bennigsen-Foerder
Vorstandsvorsitzender der VEBA AG

1984
Rudolf v. Bennigsen-Foerder

Bundesrepublik Deutschland -
Leistungs- oder Vollkaskogesellschaft?
„Als Unternehmer sind wir gewohnt, Strategien für unterschiedliche Verläufe der Zukunft zu entwickeln. Ich habe die Sorge, dass es eine Strategie nicht gibt dafür, wie die Gesellschaft ohne politische und soziale Konflikte durch eine längere Zeit hindurchgeführt werden kann mit ungewohnt wenig oder sogar keinem Wirtschaftswachstum. Die Einsicht an den notwendigen Strukturwandel muss noch wachsen, damit der Wirtschaftsbürger erkennt, dass das Meistern des Wandels unsere größte und eigentliche Herausforderung für die kommenden Jahre darstellt.“

Dr. Peter von Siemens
Vorstandsvorsitzender der SIEMENS AG

1983
Dr. Peter von Siemens

Ökologie mit Ökonomie -
Wirtschaftswachstum für eine saubere Umwelt
„So meinte man die Natur beherrschen zu können, ohne Rücksicht nehmen zu müssen auf die organischen Zusammenhänge als Grundlage unseres Lebens. Der tiefsinnige Ausspruch des eigentlichen Vaters der technisch orientierten Naturwissenschaft, Sir Francis Bacon: ‘Nature to be commanded must be obeyed’, d. h. wenn man die Natur beherrschen will, muss man ihr gehorchen, – diese Grundlage unseres Wirkens und Schaffens ist immer mehr in Vergessenheit geraten.“